„The Wall“ von Pink Floyd setzt sich mit sehr privaten aber auch gesellschaftlich relevanten Fragen und Problemen auseinander, die auch heute nichts an Brisanz und Aktualität verloren haben. Die Kirchenmusik Buchen greift diese Thematik auf und gestaltet ihr Projekt „The Wall“ am 3. November 2019 in der Stadthalle mit Kirchen- und Jugendchor St. Oswald sowie Projektsängerinnen und -sängern, Solisten und einer Band.

Das Besondere an diesem groß angelegten Konzert wird wie im Original eine Mauer sein, die während der Aufführung aufgebaut wird und dann als Projektionsfläche für Videoeinspielungen dient. Neben der künstlerischen Darstellung ist den Ideengebern der integrative Charakter der Aufführung wichtig. Im Chor treffen alle Altersstufen von zehn bis fast 80 Jahren sowie unterschiedliche Erfahrungs- und Berufswelten aufeinander. Die Mauer wird thematisch von Schülern der Nardini-Schule (Schule für Erziehungshilfe) in Walldürn bearbeitet.

Interview mit Horst Berger, Kirchenmusiker

Jugend-, Kirchen- und Projektchor summieren sich auf über 100 Sängerinnen und Sänger. Wer ist denn sonst noch mit von der Partie?

Da gibt es insgesamt fünf Solosängerinnen und Sänger. Alle fünf waren von klein auf im Kinder- und Jugendchor St. Oswald, sammelten dort und in diversen Bands, Ensembles und Musicals der JMK Musikschule solistische Erfahrungen: Eva Breitinger, Helen Majer, Marion Michael, Martin Grollmuss und Mathias Grollmuss. Die Band wird gebildet von Christian Roos, Holger Koester, Roman Szymanski, Claudia Ebert und Michael Henk. Außerdem werden bei 3 Liedern „Buchener Bläser“ zu hören sein. Hierbei sind Musiker aus der Stadtkapelle und der BCH Bloos Band beteiligt.


Warum verlassen Sie als Kirchenmusiker erneut St. Oswald und planen wie bei „Rock und Klassik“ ein weiteres ungewöhnliches Konzert in der Stadthalle?

Für mich gibt es keine scharfe Trennungslinie zwischen Kirchenmusik und „weltlicher Musik“. Seit die Menschen Musik machen tun sie dies, um ihre menschlichen und religiösen Gefühle auszudrücken. Häufig entdeckt man christliche Werte wie Dankbarkeit, Nächstenliebe oder das Eintreten für Benachteiligte in Musik, die nicht explizit für die Kirche geschaffen wurde. Das ist auch in der aktuellen Musik so, wie bei der Tagung „Like a prayer – Das Religiöse in der Pop und Rock Musik“ in der katholischen Akademie in Freiburg wissenschaftlich bestätigt wurde.


Was reizt Sie thematisch an „The Wall“?

Inhaltlich geht es um den Jugendlichen „Pink“, der sich von seiner Außenwelt isoliert. Er hat sich komplett in sich zurückgezogen - im übertragenen Sinn eine Mauer um sich selbst gebaut. Wie aktuelle Statistiken zeigen, steigt die Zahl der Menschen und v.a. Jugendlichen, die an einer Depression erkranken sprunghaft an. Ich selbst habe für mich die Erfahrung gemacht, Stärkung in z.T. Jahrhunderte alter Musik (z.B. Passionen, Requiems) zu finden, die auch die negativen Gefühle wie Angst, Verzweiflung, Trauer oder gar Tod thematisieren. Wenn sich ein Mensch total „am Boden fühlt“ kann er Halt, Verständnis, Trost und neue Visionen in Kunst und Musik finden.

Wie und warum wird eigentlich die Mauer errichtet?

Zur Konzertmitte wird eine über 12 m breite und ca. 4 m hohe Mauer aus über 200 Pappkartons errichtet sein. Es gibt dafür eigens ein Team, das Planung, Konzeption und Aufbau der Mauer koordiniert. Neben den vorproduzierten Videos aus dem Kinder- und Jugendheim, Walldürn wird Uwe Heck für live Bilder sorgen. Damit können die Konzertbesucher trotz trennender Mauer Musiker und Sänger mitverfolgen. Nicht zuletzt wird René Kremser die Lightshow verantworten. Erwähnen möchte ich hier, dass er die komplette Lichtanlage eins zu eins vorab in einer Lagerhalle aufbaut, um in Ruhe die verschiedenen Effekte zu programmieren. Während des Konzertes wird Magnus Balles an der Bildregie diese 3 Ebenen zu einer abwechslungsreichen Projektion zusammenfassen.

Karten für das Zusatzkonzert am Sonntag, 3. November um 17 Uhr gibt es im Verkehrsamt Buchen 06281 / 2780

Interview mit Magnus Balles, Musiktherapeut

Herr Balles, als Musiktherapeut arbeiten Sie im erzbischöflichen Kinder- und Jugendheim St. Kilian, Walldürn, das bei „The Wall“ Projektpartner ist. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Von Anfang an war geplant die Thematik des Stückes durch Projektionen, Bilder und Videos in die heutige Zeit zu übersetzen. Nach ein paar Vorüberlegungen und ersten Gesprächen wurde schnell klar, dass die Nardini-Schule in Walldürn hierfür der passende Projektpartner ist. „We don´t need no education“ – das klingt wie aus dem Mund der Schüler eines Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum mit Förderschwerpunkt Emotionale und Soziale Entwicklung. Viele Schüler besuchen diese Schule weil sie Schwierigkeiten in ihrer bisherigen Schullaufbahn haben und besondere Unterstützung benötigen. Wenn man sich genauer mit „The Wall“ beschäftigt fällt auf, dass viele andere Themen wie aggressives Verhalten, Depression und Verlust geradezu dazu auffordern sich mit den Schülern damit auseinander zu setzen. Schulleiter Frank Hemberger unterstützte die Idee von Beginn an und mit der Firma „Mosca“ konnte ein Sponsor gefunden werden, der das Projekt auch finanziell unterstützte.


Was spricht Sie persönlich an der Thematik von „The Wall" an?

Eigentlich ist es zunächst einmal die Musik, die mich anspricht. Hier ist von sanften Balladen bis zu kraftvoller Rockmusik vieles geboten und besonders die Live Aufführungen von Roger Waters haben mich schon lange fasziniert. Viele Facetten der Thematik erschließen sich eigentlich erst, wenn man sich auch mit dem Film und dem Hintergrund des Werkes genauer beschäftigt. Hier finde ich vor allem spannend, dass tiefe Emotionen durch kraftvolle Bilder wie eben das Errichten einer Mauer ausgedrückt werden – und dass es am Ende gelingt die scheinbar aussichtslose Situation auch zu durchbrechen.


Vor den Sommerferien wurden schon viele Bilder, Videos und Animationen produziert, die dann im Konzert auf die Mauer projeziert werden. Können Sie beschreiben, wie bspw. so ein Video entstanden ist?

Die Videos sind vielfältig – oftmals ging es darum eine Stimmung oder eine Bewegung mit den Jugendlichen zu erarbeiten und festzuhalten. Diese Bilder unterstreichen dann die Aussagekraft der Musik – so wie bei einem Musikvideo. Einige Szenen sind aber auch inspiriert vom Originalfilm, vielleicht ist vielen dabei die Videoszene zu „Another brick in the Wall, Part II“ bekannt. Hier darf man gespannt sein, wie die Schülerinnen und Schüler das umgesetzt haben.


Theaterpädagogin Ann Kathrin Beyerdorfer ist ja auch in das Projekt eingebunden. Welche Impulse
kamen von ihrer Seite?

Ann-Kathrin Beyersdorfer hat mit ihrer theaterpädagogischen Erfahrung viel zu dem Projekt beigetragen. Eine bestimmte Szene darzustellen erfordert eine ganze Menge von den Jugendlichen. Dazu gehören Körpergefühl und Selbstbewusstsein, aber auch Konzentration und Durchhaltevermögen. Das sind spannende Erfahrungen, schließlich kann man aber auch stolz sein, wenn man das Ergebnis sieht und weiß was man dazu beigetragen hat.


Bei der eindrücklichen Revue „MACHT los!” im vergangenen Jahr anlässlich des 160-jährigen Jubiläums von St. Kilian haben Sie auch die Videoeinspielungen verantwortet. Fließen Erfahrungswerte aus dieser Produktion in „The Wall” mit ein?

Die Erfahrung, dass die Kraft der Bilder ein Konzerterlebnis stark bereichern kann – noch dazu, wenn die Bilder und Videos einen persönlichen Bezug und Hintergrund haben, das war eine wichtige Erkenntnis von „MACHTlos!“. Bilder und Videos bilden dabei eine Brücke vom Zuschauer zu den Darstellern. Technisch wird es bei „The Wall“ nochmal ein ganzes Stück aufwändiger, weil die Projektionsfläche ja eine stetig wachsende Mauer ist und auch Live-Projektionen mit einfließen werden.


Können Sie jetzt schon vorab für die Konzertbesucher das Besondere der Aufführung beschreiben?

Ich denke zunächst besonders an das Bühnenbild. Das wird von einer wirklich großen Mauer dominiert sein, die mit großem technischem Aufwand errichtet wird und sich während des Konzertes schließt. Das bietet eben die vielfältigen Möglichkeiten für Projektionen und Effekte, die bei einem klassischen Konzert so nicht denkbar sind. Und natürlich ist da auch noch die Musik, die durch den großen Chor, die Band und Solisten eindrucksvoll rüberkommen wird – und das alles auf die Bühne gebracht von und durch das große Engagement von vielen Menschen aus der Region, das wird sicher einzigartig!

Interview mit Ursula Müller-Dietrich, Vorsitzende des Kirchenchors

„The Wall“ zählt sicherlich nicht zum Standardrepertoire eines Kirchenchores. Warum führt der Kirchenchor St. Oswald gerade dieses Werk auf?

Der katholische Kirchenchor St. Oswald aus Buchen ist offen für alle gesellschaftlichen Themen und auch für alle Musikrichtungen. Zu unserem Liedgut gehören klassische lateinische Messen ebenso wie Marien- und Taizégesänge, Gregorianik, Neues geistliche s Liedgut und auch zeitgenössische Kirchenmusik wie Pop-Oratorien.
“The Wall” war von unserem Dirigenten Horst Berger ursprünglich nur für den Jugendchor geplant, aber der Vorstand des Kirchenchors zeigte sich sofort interessiert und wollte dieses Stück auch für den Erwachsenenchor ermöglichen. Und die große Resonanz sowie die vielen Projektsängerinnen und -sänger bestätigen diese Einschätzung, dass Themen wie Sucht, Einsamkeit, Aggression nach wie vor aktuell sind.
Als kirchlicher Verein möchten wir offen sein für alle Probleme und Nöte unserer Zeit und sind deshalb auch bereit, neue Wege zu beschreiten.
 

Nach Rock und Klassik, dem Konzert „Herztöne“ verlässt der Kirchenchor erneut sein gewohntes Umfeld der Orgelempore und des Chorraums und geht in die Stadthalle. Gibt es dafür Gründe?

Dass die Aufführung von “The Wall” am 2. und 3. Nov. 2019 nicht in der Kirche, sondern in der Stadthalle in Buchen stattfindet, ist ein Zeichen der Öffnung und des Willkommen-Seins auch für kirchenferne Menschen, sei es zum Mitsingen oder zuhören. Wir möchten auf die Menschen zugehen und sie dort abholen, wo sie sind. Wir möchten zeigen, dass Kirche nicht nur in dem Gebäude stattfindet, sondern an vielen Orten und auf vielfältige Weise gelebt werden kann.


Man liest regelmäßig über Mitgliederschwund und Überalterung in vielen Chören. Was war für Sie persönlich der Grund in den Kirchenchor St. Oswald zu gehen und dann sogar den Posten des 1. Vorsitzenden zu übernehmen?

Müller-Dietrich: Ich selbst habe vor 12 Jahren als Projektsängerin (bei Petrus) begonnen. Das hat mir so viel Spaß und Freude gemacht, dass ich kurz danach dem Kirchenchor dauerhaft beigetreten bin.
Für mich ist es wichtig, unsere Kultur und Tradition zu bewahren und gleichzeitig den Übergang in die heute Zeit zu gestalten. Es ist aus meiner Sicht nicht ausreichend, zu reden und zu klagen, sondern aktiv für unseren Glauben einzustehen und zu handeln. Insofern ist das Amt der 1. Vorsitzenden zwar arbeitsintensiv und fordernd, aber auch sehr lohnend. Ich habe die Möglichkeit, religiöse und menschliche Themen zeitgemäß mitzugestalten und gleichzeitig bewährte Traditionen zu bewahren. Für mich bedeutet das neben dem Singen als Entspannung, unseren Glauben durch die Musik vertreten zu können.


Im Chor singt ja neben Kirchen- und Projektchor auch der Jugendchor St. Oswald. Wie ist das möglich in einer Gesellschaft, in der offensichtlich die Generationen verstärkt ihren eigenen Interessen nachgehen?

Junge Menschen sind auf der Suche nach Sinn und Zielen in ihrem Leben. Wenn es gelingt, auf sie zuzugehen, fühlen sie sich verstanden, gesehen und gehört. Dann ergreifen viele die Chance, sich einzubringen und ihr Leben konstruktiv zu gestalten. Wir haben in Buchen schon länger die Tradition, dass Kinder-, Jugend- und Kirchenchor immer wieder gemeinsam Projekte durchführen. Dadurch finden ehemalige Jugendchorsängerinnen und -sänger den Weg in den Kirchenchor, weil man sich kennt und mit offenen Armen aufgenommen wird. Zudem bietet das breitgefächerte Liedgut für jeden etwas. Zur Vorbereitung verbrachten wir ein gemeinsames Probewochenende im Kloster Schöntal, wo das gemeinsame Singen von Jung und Alt selbstverständlich ist.

Beruflich sind Sie ja Psychologin beim Caritas Verband. In „The Wall“ baut der Jugendliche Pink aufgrund von vielen negativen Erfahrungen eine imaginäre Mauer um sich herum auf. Begegnen Ihnen bei Ihrer täglichen Arbeit auch diese Themen?

Die Zugehörigkeit zu einem Verein bietet neben dem Spaß an der Sache die Chance zur Gruppenzugehörigkeit, Kommunikation mit anderen, Verbindlichkeit und Verlässlichkeit. Diese Werte braucht jeder, sie drohen jedoch im heutigen Gesellschaftswandel unterzugehen. Wir vermitteln diese Werte in unseren Chören. In meiner Arbeit begegne ich vielen Menschen, die diese suchen bzw. verloren haben. Insofern kenne ich viele Menschen ähnlich wie Pink, denen es nicht gut geht, die hilflos oder gar verzweifelt sind und nicht wissen, wie sie ihr Leben sinnvoll und erfüllt gestalten können. Deshalb ist “The Wall” auch nach über 40 Jahren noch immer ein hochaktuelles Werk. Ich freue mich sehr über die bisherige gute Resonanz und den erfolgreichen Kartenvorverkauf.